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Erlegen wir unsere Nahrung wieder selbst... (IMHO)

Wieder Mal bin ich auf einen Artikel aufmerksam geworden, der sich unsachlich mit dem Thema digitalen Medien auseinandersetzt.

Es geht um den Artikel "Digitale Flopministerin Johanna Wanka" von Josef Kraus auf tichyseinblick.de. In dem Beitrag moniert der Autor in erster Linie, dass die Bildungsministerin ihr Versprechen des digitalen Ausbaus zurückgezogen hat. Dies ist wirklich bedauernswert.


Der Autor belässt es hierbei nicht, sondern geht zu einem kleinen Rundumschlag gegen den Einsatz von digitalen Medien über. Wie bei anderen Autoren, die sich gegen eine digitale Bildung aussprechen, wird an der Stelle ebenso unsachlich und unwissenschaftlich gearbeitet. Reflexartig verfiel ich in den Analysemodus:

Fehler 1:
"Jedenfalls ist keine einzige renommierte Studie bekannt, die einem digitalisierten Unterricht Vorzüge einräumte." (Kraus, 2017)
Diese Aussage ist falsch:

  1. Die Studien, die vermutlich gemeint sind, kommen zum Ergebnis, dass es bei den Unterrichtseinheiten keinen signifikanten Effekt gibt, bei denen die Lehrkraft keinen geübten Umgang mit den Medien bewies.
  2. Entgegen der obigen Aussage bestehen Studien, die den Mehrwert bestätigen (vgl. Appel/Schreiner, 2013, 14-15). Ich kann nicht beurteilen, ob Kraus diese zu den renommierten Studien zählt. Interessanterweise findet sich die Darstellung dieser Studien in wissenschaftlichen Artikeln, wie bei Appel/Schreiner (2013, 2015), die deutlich die unwissenschaftliche Herangehensweise von Manfred Spitzer aufzeigen. Nach dem Beitrag aus dem Jahr 2013 äußerte sich Manfred Spitzer (2014), worauf der Beitrag von 2015 folgte.
Fehler 2:
"Das mussten zuletzt sogar die Digitalisierungseuphoriker des „Aktionsrats Bildung“ (welch ein Name!) der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) in ihrem Jahresgutachten vom Mai 2017 mit dem Titel „Bildung 2030“ einräumen. Zwar hatte es in der Erstfassung noch geheißen, dass „schon Grundschüler, die einmal pro Woche am Computer arbeiten, deutlich bessere (sic!) Kompetenzen im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften“ hätten. In der Endfassung jedoch wurde die Aussage richtiggestellt. Dort heißt es nun, „dass Grundschülerinnen und Grundschüler in Deutschland, in deren Unterricht mindestens einmal wöchentlich Computer eingesetzt werden, in den Domänen Mathematik und Naturwissenschaften statistisch signifikant niedrigere (sic!) Kompetenzen aufweisen als jene Grundschulkinder, die seltener als einmal pro Woche Computer im Unterricht nutzten.“ Erst später folgte die Korrektur – klammheimlich. Die (Falsch-)Meldung aber war über „dpa“ millionenfach multipliziert. Eingefangen hat sie niemand mehr. Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt." (Kraus, 2017)
Diese Aussage ist irreführend:
  1. "Bildung 2030" musste ebenfalls bei Lankau herhalten (wie in einem anderen Artikel von mir beschrieben), um vermeintlichen unsachlichen Umgang von Seiten der Befürworter der Digitalen Bildung zu belegen. Daraus leiteten diese gleich Verschwörungstheorien ab. Der aufgeführte Satz findet sich im Gutachten auf Seite 78. Es handelt sich um ein Zitat unter anderen (indirekten) Zitaten, um den aktuellen Wissensstand bezüglich der Einbindung von Digitalen Medien im Bildungsbereich darzustellen. Somit ist dies eine reine Wiedergabe und keine Meinungsäußerung, wie die obige Darstellung es suggerieren möchte. Bei Lankau und Kraus bleibt die Frage offen, warum es einen Bezug zu einer Sekundärliteratur gibt, obwohl die Primärliteratur nach eigener Behauptung vorliegt. Wenn es wirklich um den Beleg bzw. Beweis hinsichtlich des geringen Nutzens digitaler Bildung ginge, wäre dieser Verweis erbracht worden. Es ist zu vermuten, dass man ausschließlich die Autoren diskreditieren wollte.
  2. Der Beitrag suggeriert ebenfalls, dass ausschließlich die falsche Meldung über die dpa verbreitet wurde, da die Korrekturmeldung (dpa 3851 vom 10.05., bei dem verlinkten Artikel handelt sich nicht um die dpa-Meldung, sondern um den ursprünglichen Artikel zu diesem Thema. Am Ende dieses Beitrages wird auf die Korrekturmeldung eingegangen) nicht erwähnt wird. Somit benötigt es keinen Schelm.
In der näheren Betrachtung bleibt von der Meldung nichts übrig, so dass ich eigentlich beruhigt sein müsste. Ich hätte die Kommentare zu diesem Artikel nicht lesen sollen. Es viel auf, dass sich einige durch diesen Beitrag in ihrer Meinung bestärkt sahen. Bei einem Portal, das anscheinend nicht technik-affine Personen adressiert, mag dies nicht verwundern. In diesem Zusammenhang fielen mir die Kommentare zum Beitrag in der ix-Telepolis, zu dem ich eine IMHO verfasste. Die dortigen Kommentatoren nahmen den Artikel unreflektiert an und kamen zum gleichen Schluss wie die Kommentatoren des vorliegenden Beitrages, obwohl offensichtliche Mängel vorlagen.

Der Grundtenor der meisten Kommentatoren war, dass das Lernen und die Bildung früher besser war. Es benötigt lediglich eine Tafel und Bücher, denn so hatte man ja früher auch gelernt. Früher hatte man ebenfalls gelernt und war nicht verblödet, daher sähe man keinen Grund, neue Medien einzubinden. In dieser Zusammenfassung scheint die Argumentation logisch.

An dieser Logik habe ich Zweifel. Bei jeder Neuerung gibt es Menschen, die behaupten, dass früher alles besser gewesen sei. Ich schätze, dass es eine ähnliche Diskussion gab, als man Schiefertafeln durch Hefte ersetzte. Oder als man weniger von der Tafel abschreiben ließ und mehr Kopien verteilte. Würde man der obigen Logik folgen, müsste man sich zwangsweise pädagogisch und didaktisch in der Zeit rückwärts bewegen. Da wären selbst die Tontafeln zu modern, Wandmalereien schon zu hip. Am Ende bliebe die mündliche Überlieferung von Geschichten und Erzählungen. Eventuell besäße die Menschheit mehr Mythen als heute. Und das Märchen vom geringen Nutzen digitaler Bildung wäre nicht geboren, denn es gäbe keine digitale Medien. Wir wären zu sehr damit beschäftigt, die Nahrung selbst zu besorgen.

Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass die digitalen Medien nicht zum Leben der Menschen gehören. Die digitalen Medien sind das Leben und sind Alltag der gesamten Menschen, ob dies gewünscht wird oder nicht. Es besteht keine Parallelität. Somit behaupte ich, dass Thomas Gottfried einem Irrtum unterliegt, den er in sz-online im ersten Beitrag äußert.

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