Wieder so eine Studie mit einem seltsamen Rat

Die Studie Blikk 2017 hat es vor gemacht: man befragt Personen, rührt dies zusammen, würzt es mit Horror-Szenarien (unabhängig davon ist die Präsentation zu Blikk für sich genommen der reinste Horror, vgl. [5]) und am Ende garniert man das Gericht mit einem seltsam anmutenden erzieherischen Rat. Und das Beste: die Studie gibt es wahrscheinlich nicht, denn der Link zur Studie führt ins Leere. (vgl. [4]) So gibt es neben einem Kurzbericht, eben diese miserable Präsentation. Dass diese Arbeit neben den genannten Problemen ebenso ein Scheinkorrelation-Problem hat, erläutert Jöran Muuss-Merholz in einem Interview. (vgl. [6]) Im Allgemeinen wirkt die Studie alles andere als seriös und professionell.


Nun bin ich auf einen Artikel (vgl. [1]) auf Spiegel-Online gestoßen, der eine Studie zur Wirkung der Smartphone-Nutzung der Eltern auf der Beziehung zum Kind untersuchte. Beim Lesen fand ich gleich die Parallelen zu Blikk:

  • Horror-Szenarien: Die Untersuchung beschreibt, dass Eltern mit übermäßiger Handynutzung keine "gesunde" Bindung zum Kind aufbauen, was wiederum zu psychischen Störungen beim Kind führt. Dies ist erschreckend, denn welche Eltern möchten die Bindung zum Kind verlieren, so dass daraus psychische Störungen entstehen. (vgl. [1], [8], [9]) Aufgrund der geringen Quellenverweise schätze ich, dass eine Scheinkorrelation vorliegt. Über die Nutzung eines Smartphones eine fehlenden Bindung herzuleiten, erscheint mir zu banal. Ebenso lässt sich auf Basis der vorliegenden Quellen keine direkte Korrelation zwischen fehlender Bindung und den psychischen Problemen der Kinder ableiten. In diesem Zusammenhang finde ich den Ansatz von Muuss-Merholz (vgl. [6]) interessant, der besagt, dass es diese Phänomene vor den "Neuen Medien" gab, die heutige Technik verstärkt diese.
  • Keine Verweise: Leider ist es nicht möglich, diese Studie zu hinterfragen, da es keinen Verweis zur Studie gibt. Die beste Quelle, die ich ausfindig machen konnte, war über ResearchGate und Nature. (vgl. [10]; [11]). Die Ergebnisse erstrecken sich auf drei Seiten, so dass aufgrund dieser Komprimierung der Ergebnisse keine Aussage getroffen werden kann, ob ein Horror-Szenario vorliegt.
  • Seriosität: Die Studie befragte 183 Familien über einen Online-Fragebogen. Zum einen bezweifle ich, dass diese Anzahl repräsentativ ist und zum anderen stellen Online-Fragebögen ohne Kontrolle, meiner Meinung nach keine zuverlässige Basis dar. Außerdem verwirrte mich die zeitliche Dimension, denn es heißt, dass in zwei Jahren auf über sechs Monate Befragungen stattfanden. Ich gehe davon aus, dass innerhalb von zwei Jahren alle sechs Monate eine Online-Umfrage stattfand. Wenn dem so war, dann betrug die Zeitspanne je Befragung maximal sechs Monate. Da stellt sich mir die Frage, wie man daraus ein Ergebnis herleiten kann (psychische Störungen), das in der Regel über Langzeitstudien ermittelt wird.
    Bei der Recherche kam erschwerend hinzu, dass manche Medien die Studie falsch wiedergaben hinsichtlich der Anzahl der Familien. Die Angabe schwankt zwischen 181 und 200, wobei diese 19 Familien die fehlende Repräsentativität nicht kompensieren. (vgl. [1], [8], [9])
  • Pädagogischen Rat: Die Autorinnen und Autoren der Studie raten, beispielsweise auf dem Spielplatz auf das Handy zu verzichten und ersatzweise eine Zeitung zu lesen. Bei diesem Rat fehlen mir die Worte. Welchen Unterschied soll es machen, wenn ich mein Kind nicht beachte, wenn ich währenddessen Zeitung lese? Davon abgesehen, dass die Fläche, die ein Smartphone vor einem Gesicht einnimmt, geringer ist, als die einer Zeitung. Bei einem Smartphone hätte das Kind wenigstens die Chance, das Gesicht der Eltern zu sehen. Bevor das Handy aufkam, waren Eltern, die Zeitung lasen, das synonyme Bild für Vernachlässigung.
    Da finde ich den anderen Rat, lieber seine Nachrichten auf der Toilette zu lesen, beinahe witzig. (vgl. [8]) Meiner Ansicht nach, ist das Ziel, den Eindruck zu erwecken, dass analoge Medien grundsätzlich besser sind, als digitale.
Für mich fällt diese Studie unter die Rubrik "Panikmache ohne Inhalt". Es ist mir schleierhaft, wie Studien, die potenzielle "Sprengkraft" besitzen, nicht zugänglich sind. Dies lässt in mir die Vermutung reifen, dass diese Studien nicht seriös sind und keine Substanz besitzen.

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