Und mir ging ein Stern auf... (IMHO)

Mit Stern meine ich die Person "William Stern". Gleichwohl er viel in seinem Bereich der Psychologie erforschte und verfasste, ist er nahezu unbekannt. Während meines Studiums zum Diplom Sozialpädagogen stieß ich auf Stern und mich faszinierten seine Arbeiten zur pädagogischen Psychologie. Überraschend für mich ist, dass sich seine damaligen Erkenntnisse nicht grundlegend von den heutigen unterschieden. Entweder war er seiner Zeit weit voraus oder die aktuelle Pädagogik ist einige Jahrzehnte in der Entwicklung zurück.
Obwohl ich keine Anstellung als Sozialpädagoge fand, lässt mich Stern nicht los. Ein Zitat hat es mir besonders angetan:

Pädagogik darf nicht nur geschehen lassen und die natürliche Entwicklung unbeeinflußt sich auswirken lassen - nichts wäre unnatürlicher als solche ’Rückkehr zur Natur’. Aber sie soll, indem sie spendet und fördert, erzieht und belehrt, stets sich dessen bewußt sein, daß sie nicht gegen die Schüler, sondern mit ihnen und mit den in ihnen ruhenden Kräften arbeiten soll, daß diese spontanen Strebungen und Anlagen nur darnach dürsten, verwertet und veredelt und damit selbst zu den stärksten Hilfsmitteln des pädagogischen Erfolgs erhoben zu werden. (Stern, William: Psychologie und Schule. Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, 1919, Nr. 20, 148)

Ich denke, dass es keine Pädagogin und keinen Pädagogen gibt, die dies nicht unterschreiben würden. Die folgenden Ausführungen zeigen, dass selbst eine gut gemeinte Didaktik/Pädagogik, den Erkenntnissen aus dem Zitat entgegenstehen.

Während meines Referendariats galt die Losung "Schülerorientierung ist gut, Lehrerzentrierung ist schlecht". Diese Erkenntnis wurde neben der Hattie-Studie ebenso von anderen kassiert. In diesem Zusammenhang schickte sich eine andere Aussage durch das pädagogische Dorf: Gruppenarbeit ist super, Frontalunterricht ist schlecht. Dass der Begriff "Gruppenarbeit" im Unterricht unterschiedliche und teilweise falsche Verwendung fand, blieb nicht selten unbemerkt. Mit beiden Slogans befasste ich mich in einem Artikel und kam zum Schluss, dass diese Sprüche einen Versuch darstellen, Gegensätze zu erzeugen, die keine sind. Diese Feststellung erzeugte in mir eine grundsätzliche skeptische Haltung gegenüber der pädagogischen Top 10-Liste.

Jedes Jahr gibt es eine neue didaktische Sau, die neue Gegensätze erschafft. Und jedes Mal beteuern die Befürworter, dass alleinig diese pädagogische Maßnahme einen guten Unterricht ausmacht und die Schülerinnen und Schüler in ihren sozialen Kompetenzen fördert.
Natürlich sind diese Meilensteine wichtig für den Unterricht. Und scheinbar decken sie sich mit dem Zitat von Stern, da sie fördern, erziehen und belehren und mit den inneren Kräften der Schülerinnen und Schüler arbeiten. Dennoch bin ich der Meinung, dass gerade dieses Zitat aufzeigt, was in der pädagogischen Welt schiefläuft.

Jedes neue Konzept unterschlägt, dass Schülerinnen und Schüler Individuen sind. Jede Person ist anders und reagiert entsprechend unterschiedlich auf Wirkungen von außen. Aus dem Grund ist jede Lerngruppe anders. Und damit komme ich zum Kern des Zitats: es gibt nicht die heilbringende Methode. Der Pädagoge und die Pädagogin muss die eigene Lerngruppe beobachten und ein individuelles Konzept entwerfen, um die pädagogischen Ziele zu verwirklichen. In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung eines guten Verhältnisses zwischen Lerngruppe und Lehrperson nicht zu unterschätzen.

In diesem Jahr entbrennt die Debatte, wie viel Demokratie einer Klasse zuzumuten ist. Manche sahen sich berufen, eine Blogparade zu dem Thema ins Leben zu rufen. Zusammenfassend betrachtet, bildeten sich zwei gegensätzliche Lager. Beide Parteien berufen sich auf Klassen, bei denen es zu 100% funktioniert. Dazwischen schwimmen einige gemäßigte, die weder die eine noch die andere Methode bevorzugen. Dies ist nachvollziehbar, da keine Methode und keine Maßnahme existiert, die zu 100% bei jeder Lerngruppe den gleichen Erfolg erzeugt. Daher sind solche Diskussionen mühselig, denn sie berücksichtigen die Lerngruppe nicht als eine Ansammlung von Individuen. Erschwerend wirkt bei solchen Debatten, die fehlende Fähigkeit der Selbstkritik mancher Autorinnen und Autoren. Dies erzeugt ausschließlich ellenlange Texte, die wenig Mehrwert ergeben. Der künstliche Aufbau von Gegensätzen bleibt da meistens nicht aus.

Das bedeutet nicht, dass Pädagoginnen und Pädagogen mit ihrer Lerngruppe keine Ziele (beispielsweise die Umsetzung von demokratischen Strukturen) definieren sollten. Der Weg zum Ziel gestaltet sich entsprechend der Lerngruppe unterschiedlich und unvorhersehbar. Da eine Lehrperson eine Klasse zeitlich begrenzt betreut, sollte sich diese Person darauf einstellen, das Ziel nicht zu erreichen. Es gibt gute und viele Gründe, warum dies der Fall sein kann.

Einer dieser Gründe kann darin bestehen, dass die Lerngruppe sich nicht für eine bestimmte Maßnahme bereit hält. Am Beispiel der Demokratiebestrebungen erhielt ich teilweise die Rückmeldungen von Klassen, dass sie sich klare Entscheidungen von der Lehrperson wünschten. In Bezug auf die Gruppenarbeit entgegneten mir manche Klassen "Nicht schon wieder. Können wir nicht einfach normalen Unterricht machen?". Dieser gefühlte Stillstand muss trotz gesetzter Ziele möglich sein, denn es geht immer nur mit der Lerngruppe zusammen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es die eine Methode oder die eine Maßnahme für eine Klasse nicht gibt. Dies sollte Lehrkräfte nicht davon abhalten, Ziele für ihre Lerngruppe zu definieren. Wichtig ist, dass die Selbstkritik nicht zu kurz kommt, um den Weg zu überprüfen. Wobei eine Übertreibung dieser Kritik in sinnfreie Ablehnung enden kann. In Bezug auf "Neue Medien" ist dies nicht selten der Fall, wie ich in einem Artikel darstellte.

Manchmal ist es notwendig, den eigenen Blickwinkel komplett neu auszurichten und sich von einem Schwaz-Weiß-Schema zu verabschieden, die Gegensätze aufzuheben. In der Pädagogik gibt es nichts Schlimmeres, als sich auf festen Bahnen zu bewegen. Pädagogik ist unbeständig. Es hat den Anspruch, dies zu sein. Musterlösungen darf es nicht geben. Diese verleiten dazu, Schablonen anzufertigen und das Gehör und das Gespür für die Klasse zu verlieren. Vielmehr sollten die Erkenntnisse aus den verschiedenen Erfahrungen den Pädagoginnen und Pädagogen die unterschiedlichsten Werkzeuge in die Hand geben, um mit Individuen zu arbeiten.

Dies ist sehr schwammig und eventuell wenig befriedigend. Nach dieser Sichtweise bewegt sich eine Lehrkraft bei ihrer Arbeit auf einem schmalen Grat zwischen Abwägen, Wahrscheinlichkeiten und Annahmen. Den einzigen Halt erfährt sie über die eigene oder die fremde Empirie (über Studien, Gespräche mit dem Kollegium oder mit der Schülerschaft). William Stern zeigte in seinen Arbeiten, wie diese Empirie in eine sinnvolle Erkenntnis münden kann. Das macht das pädagogische Wirken nicht einfacher. Sie ist in dem Moment demokratisch, da sie Schülerinnen und Schüler an einem Werdegang beteiligt. Sie sind der Prozess.

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