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Vor Scheuklappen ist niemand gefeit (IMHO)

In meinem letzten Artikel [vgl. 1] schrieb ich, dass ich der Twitter-Gemeinde viele Ideen und Anregungen verdanke, die meine Unterrichtsgestaltung bereichert haben. Dennoch gibt es einen Umstand, der selbst vor modernen Pädagoginnen und Pädagogen nicht Halt macht:

Ohne eine nähere Definition zu pauschalisieren.

In Bezug auf die Nutzung von digitalen Werkzeugen für den Unterricht erkenne ich Parallelen hinsichtlich des Begriffes „Lehrerzentriert“ [vgl. 2].
Dieser Begriff fand in den verschiedensten Publikationen und Kommentaren in Form eines Pauschalurteiles Verwendung, ohne näher definiert zu sein.

Gleiches Schicksal erfahren zurzeit LearningApps wie kahoot, Quizlet.com oder learningapps.org. Aufgrund eines Vergleiches mit dem mechanischen Lernen von Skinner, wird diesen grundsätzlich unterstellt, dass diese eine reine Abbildung oder Weiterführung dieser Theorie sind. [vgl. [3] und nächsten Satz) Daraus wird gefolgert, dass sich die Schule auf dieser Basis trotz neuer Medien nicht weiterentwickeln kann.

Skinner anzuführen, um Apps pauschal die methodische Tauglichkeit abzusprechen, ist zu simpel. Diese Apps bieten mögliche Umsetzungen, die je nach Lerngruppe, Thema oder Unterrichtsphase sinnvoll und konstruktivistisch sein können.

Dass Skinner in der Pädagogik umstritten ist, steht an der Stelle nicht zur Disposition. Vielmehr kritisiere ich, dass aufgrund eines pauschalen Urteils, das anhand eines Vergleiches gebildet wird, eine Reihe oder Gruppe an Möglichkeiten „aus dem“ Rennen genommen werden, ohne zuvor die tatsächliche Tauglichkeit dieser Werkzeuge zu prüfen. Nur als Nebensatz: es erscheint mir paradox, auf der einen Seite die „Nutzungsdebatte von neuen Medien im Unterricht“ in Bezug auf ihre Sinnhaftigkeit zu kritisieren, aber auf der anderen Seite genau dieses Kriterium anzuführen, um bestimmte Methoden zu diskreditieren.

Wenn ich den Kern der Kritik an diese Apps richtig verstehe, dann geht es darum, dass diese nicht konstruktivistisch sind, da diese scheinbar ein eigenständiges Erarbeiten von Lerninhalten nicht ermöglichen. Dies wird mit einem weiteren Pauschalurteil untermauert, das besagt, dass Schule grundsätzlich in Form eines Nürnberger Trichters Inhalte vermittelt und diese Apps diesen Zustand zementieren. (vgl. [3] u. [4]) (Warum ich den Begriff „Nürnberger Trichter“ irreführend finde, lässt sich indirekt über [2] herleiten.)

Ein Pauschalurteil mit einem anderen zu begründen, ist mir zu kurz gegriffen.

LearningApps stellen die Grundlage zum konstruktivistischen Lernen dar. Oder der Weg des Lernens skizziert über drei Stationen: Sammeln, Üben, Zusammenführen.
Sammeln
Um eigenständig Lernen zu können, bedarf es Inhalte. Diese Inhalte müssen zuvor erstellt sein. Natürlich könnte man durch eigene Beobachtungen, diese Inhalte selbst erzeugen, dennoch ist es zielführender und sinnvoller, wenn bereits erstellte Inhalte weitergegeben werden (nach dem Motto: das Rad nicht jedes Mal neu erfinden). Diese Weitergabe der Inhalte kann über die verschiedensten Kanäle und Medien erfolgen (Mensch, Papier, Internet, Bücher, ebooks, Videos).

Da der Mensch vielfältig ist, ist die Art der Wissensaufnahme entsprechend breit gefächert. Dem einen liegt das Buch, der andere wartet auf dessen Verfilmung und der Nächste freut sich auf das passende Hörbuch dazu. Auf dieser Ebene sehe ich Methoden u.a. eines FlippedClassroom (vgl. [5]). Besonders diese Methode betrachte ich als konstruktivistisch an, da die Schülerin und der Schüler individuell auf die eigene Art und Weise der Wissensaufnahme und Verarbeitung anpassen können.

In diesem Zusammenhang steht die Kritik im Raum, dass solche Lerninhalte oder Methoden nur eine 1:1 Kopie des analogen Lernens sind. (vgl. [6]) Dies mag auf dem ersten Blick zutreffen, dennoch zeigt dies, dass die grundsätzlichen Möglichkeiten und Dimensionen der Digitalisierung außer Acht gelassen werden, denn durch die Digitalisierung… (vgl. [9])
  • ... lassen sich Inhalte teilen und vervielfältigen. Dies stärkt die soziale Interaktion.
  • ... lassen sich Inhalte in andere Formate umwandeln, so dass andere Blickwinkel möglich sind.
  • ... lassen sich Inhalte kommentieren, so dass man ins Gespräch mit anderen oder dem Inhalt kommt.
  • ... besteht die Möglichkeit, mit den Inhalten zu agieren. 
Dies bedeutet, dass zum einen analoge Inhalte nicht vergleichbar mit digitalen sind und zum anderen die digitalen Inhalte eine unzählbare Vielfalt erreichen, die sich die Lernenden zu Nutze machen können (vgl. u.a. [9]) Auf Basis dieser Inhalte können Schülerinnen und Schüler neue Fähigkeiten für sich individuell ableiten.

Auf dieser Ebene steht die Frage im Raum, inwieweit sollen diese Inhalte vorgegeben werden, denn die Fähigkeit des Sammelns muss gelernt sein. Beispielsweise führt der erstbeste Link nicht unbedingt zu einem „guten“ Inhalt. Die pädagogische Herausforderung ist es, sich dieser Fragestellung zu widmen und ebenso zu prüfen, inwieweit eine Anleitung zu dieser Fähigkeit notwendig ist.

Üben
Auf dem Weg zur Zusammenführung gilt es eventuell die neuen Fähigkeiten, die die Lernenden über das Wissen sich angeeignet haben, zu üben. In der Praxis zeigt sich, dass Lernende in dieser Phase dieses Üben unter „Laborbedingungen“ mit einer zeitnahen Rückmeldung begrüßen.

Dabei scheinen die Lernenden die Konkurrenz nicht zu scheuen (vgl. [7]). Das Messen der eigenen Leistung mit anderen spornt die Lernenden vielmehr an.

LearningsApps wie learningapps.org, kahoot oder Google Forms unterstützen die Lernenden in dieser Phase. Sie entsprechen ihren Grundbedürfnissen in diesem Bezug. Sie erhalten eine zeitnahe Rückmeldung und können diese, falls nicht anders vorgesehen, jederzeit wiederholen. Dies bedeutet, dass die Lernenden das Üben auf ihr Lernniveau und -geschwindigkeit anpassen können. Somit sind diese Tools nicht als reine mechanischen Lernapparate zu betrachten, sondern als integratives Werkzeug im Rahmen des eigenständigen Lernens. Die Schülerinnen und Schüler bestimmen die Art und Weise der Nutzung. Voraussetzung ist, wenn man den Lernenden diesen Freiraum gewährt.

Und Üben muss gelernt sein, besonders das eigenständige Üben. Dieses Lernen beinhaltet das Zeitmanagement, die Konzentration und die Selbsteinschätzung. Diese Eigenschaften lernen Schülerinnen und Schüler wiederum durch üben, da sie diese nicht von sich aus mitbringen. (vgl. [9] hier und im nächsten Satz) Üben verhilft Informationen und Inhalte filtern zu können.

Zusammenführen
Kollaboratives Lernen beispielsweise via padlet und zumpad (etherpad) stellt in diesem Zusammenhang die Kür dar, in der Schülerinnen und Schüler gemeinsam ihre neuen Fähigkeiten und eigenständig erworbenes Wissen zu neuen Inhalte zusammenbringen können, die wiederum über verschiedenen Kanäle und Medien ihre Verbreitung finden können (u.a. flipgrid).

Dieser letzte Schritt steht im Fokus in Bezug auf konstruktivistischem Lernen. Dabei besteht die pädagogische Vorstellung, dass Schule ausschließlich auf diese Art aufbaut. Seit Jahren läuft diese Diskussion innerhalb der Pädagogik. Die Verlage reagierten darauf, indem sie ihre Bücher anpassten. Wie dies aussieht, zeigt sich beispielsweise an den Schulbüchern für das Fach Mathematik. Vergleicht man die Ausgaben der letzten zehn Jahre, dann erkennt man, dass die Übungsaufgaben zugunsten von kompetenzorientierten Aufgabenstellungen gewichen sind. Für den Unterricht bedeutet dies, dass die Übungsphase gekürzt wurde. Ich empfinde dies als Verlust, denn das Vertiefen und Wiederholen kommt nicht gänzlich zum Tragen. Damit fehlt die Grundlage, um zur Kür zu kommen, die in den Schulbüchern überzählig angeboten wird. Dieses Defizit bewegte mich vor Jahren gänzlich auf Schulbücher zu verzichten.

Die drei Schritte sollen nicht getrennt voneinander betrachtet werden.

Eigentlich bin ich kein Freund von festen Ebenen oder Schritten, denn meiner Ansicht nach lässt sich „Lernen“ nicht in Schemata pressen, dennoch erkenne ich an, dass genau diese Art der Darstellung Überlegungen und Sachverhalte besser verdeutlichen können. Somit möchte ich darlegen, dass beispielsweise Tools wie padlets nicht ausschließlich verwendet werden können, wenn man die dritte Station betritt. Mit einer solchen Festlegung würde ich meine Theorie widerlegen, dass keine Methode „von Haus aus“ schlecht ist und auf verschiedene Ebenen der Unterrichtsphasen angewendet werden kann. So habe ich beispielsweise padlet eingesetzt, damit Schülerinnen und Schüler ein „Schreibgespräch“ führen. Mit dieser Methode kommen die drei Schritte zeitgleich zum Einsatz (sie sammeln ihr vorhandenes Wissen, üben es anzuwenden und führen es gemeinsam zu neuem Wissen zusammen).

Ebenso lassen sich Präsentationen anführen. Hierfür sammeln Schülerinnen und Schüler die Informationen, üben diese Inhalte bei der Vorbereitung auf die Präsentation, um dann am Ende die gewonnenen Inhalte gemeinsam vorzustellen. Die Übergänge sind nicht nur fließend, sondern überlappend.

Tools wie kahoot, quizlet und Methoden wie FlippedClassroom können ebenso im dritten Schritt ihre Anwendung finden. So stellen Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Lernprogramm zusammen. Ebenso ist vorstellbar, dass sie selbst Lerninhalte mit diesen Tools erstellen, um darüber selbst Wissen zu erwerben.

Aufgrund dieser methodischen Überlegung steht fest, dass diese Ebenen sich gegenseitig bedingen. Die Grenzen sind fließend. Und dies gilt ebenfalls für die Apps, Tools und Konzepte.

Trotz dieses Zusammendenkens besitzen die Schülerinnen und Schüler die Fähigkeiten Sammeln, Üben und Zusammenführen nicht von sich aus. Es ist ein Weg bis zur Kür zu beschreiten. Kein Mensch schafft es auf Anhieb, gesammelte Informationen sinnvoll zusammenzuführen. Wenn wir die Möglichkeiten von learningapps & Co negieren und blockieren, verbauen wir den Lernenden den Weg zum eigenständigen Lernen.

Zum Schluss
Grundsätzlich finde ich die weiteren Überlegungen und Herleitungen aus der Kritik der LearningApps zur „Palliativen Didaktik“ (vgl. [8]) gut und interessant, denn ich bin der Auffassung, dass „der Mensch“ immer mehr dazu befähigt werden muss, Informationen nicht nur zu konsumieren, sondern ebenfalls eigenständig zu erarbeiten und zu verarbeiten. In Bezug auf Schule bin ich der Überzeugung, dass eigenständiges Lernen zu einem höherem und nachhaltigem Lernerfolg führt, als das reine Vorführen von Inhalten. Dennoch „verteufel“ ich diese Art der Wissensvermittlung nicht, denn sie ist und bleibt eine Grundlage für das eigenständige Lernen. Sozusagen der Start- und Ausgangspunkt, von dem aus Lernen beginnt.

Gerade wenn man sich für das eigenständige Lernen ausspricht, sollte man gewillt sein, ohne Scheuklappen durch die Welt zu gehen. Gerade wenn man das konstruktivistische Lernen als Ziel hat, sollte man alle möglichen Wege offenhalten, die zu einem Wissenserwerb führen können.

Im Kontext eines Unterrichtes gibt es nicht die eine richtige Methode und nicht die eine richtige Didaktik, somit gibt es nicht die eine richtige Pädagogik. Es gibt nur die Methode, die Didaktik und die Pädagogik, die richtig für die jeweilige Lerngruppe ist. Da Menschen und somit Lerngruppen in ihrem Lernen vielfältig sind, scheint es absurd, wenn man dem nicht mit einer Vielfalt an Methoden, Inhalten, Didaktiken und Pädagogiken zur Seite steht.

Quelle

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