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Der Weg von Linux zu OER

Dass ich die Übungen und Arbeitsblätter, die ich produziere, anderen zur Nutzung und Wiederverwertung frei anbiete, war für mich nie ein Thema. Hintergrund ist mein Bezug zu Linux (vgl. [1]).
Als ich damals (1998) zu Linux fand, war ich kein Nerd oder besonders technisch interessiert. Früher wie heute sah und sehe ich mich als Anwender. Zwar programmiere ich das eine oder andere, verstehe manchen Quelltext, aber von einem „Nerd“ bin ich hinsichtlich meines Wissensstandes weit entfernt. Dabei ist die Bezeichnung "Nerd" positiv gemeint.

Mittlerweile bin ich zu Windows zurückgekehrt. Schuld war im Grunde Windows XP, doch dies ist eine andere Geschichte, die ich mal ergänzend zu [1] erzählen werde.

In diesem Zusammenhang ist eher bedeutsam, dass mich der Grundgedanke von Linux seitdem nicht losgelassen hat. Obwohl eine Analogie zwischen Open-Source und OER evident erscheint, muss ich dennoch etwas ausholen. Da ich OER seit nun mehr als zehn Jahren betreibe, habe ich eine eigene Vorstellung von OER entwickelt, die ich nicht darauf überprüft habe, ob sie mit den aktuellen Gedanken von OER übereinstimmt. Dennoch möchte ich diese im folgenden Artikel vorstellen.

Der Kern

Freie Software ist eine Frage der Freiheit, nicht des Preises. Um das Konzept frei zu verstehen, sollte an Redefreiheit gedacht werden, nicht an Freibier. (Vgl. [2])
Dieses Zitat beinhaltet für mich zwei Kernaussagen, die ich erst nach langer intensiver Auseinandersetzung für mich daraus gezogen habe:
  1. Freie Software bedingt nicht zwangsläufig das Angebot einer kostenfreien Software, sondern gemeint ist die reine freie Verfügbarkeit der Quelle. Natürlich ist die Vereinbarkeit zwischen kostenpflichtiger Software und Open-Source nicht einfach, dennoch geht es rein um den Code, nicht um das Produkt, welches durchaus geschlossen sein und verkauft werden kann.
  2. Der Gedanke zur freien Software ist nicht eine reine Selbstverpflichtung, sondern ebenfalls eine Vorgabe für die Person, die diese freie Software nutzt und verändern möchte. Daher sind die Open-Source-Lizenzen in ihrer Rechtsgültigkeit und Ausführung nicht frei (interpretierbar), denn diese können beispielsweise eingeklagt werden. 
Ein Ausdruck hierfür ist die gefühlte unendliche Anzahl an Open-Source-Lizenzen, die je nach Bedürfnis dem ersten und / oder zweiten Punkt einen Schwerpunkt geben.

Die Auseinandersetzung

Diese beiden Aussagen sind vermutlich erst verständlich, wenn ich meine Auseinandersetzung mit Open-Source kurz skizziere.

Als ich mit Linux in Berührung kam, blieb es nicht aus, sich mit Quelltexten zu befassen, denn damals musste man schon Mal an mancher Stelle „Hand“ anlegen. Dadurch erhielt ich Einblick in die Programmierung und fing bald selbst mit der Erstellung von Programmen an (meine erste Sprache war TCL/TK). Fest stand für mich, dass ich diese (bescheidenen) Errungenschaften unter die GPL setzen wollte. Ich war verblüfft, wie einfach dies ging. Kein Anwalt musste eingeschaltet oder irgendwelche Behörden kontaktiert werden. Man setzte nur den GPL-Text mit in den Quelltext. Und natürlich war ich davon überzeugt, dass alle, die diesen Quelltext nutzen würden, diesen unter den gleichen Bedingungen weitergeben wollten. Darin sah ich zunächst keinen Zwang, sondern wirklich eine Freiheit, da der Quelltext offen stand.

Erst ein kleines Schlüsselerlebnis brachte mich auf andere Gedanken. In einem heise-Artikel wurde Bezug auf WLAN-Router genommen, die GPL-Software nutzten, aber ihren Quelltext nicht freigaben. Dies fand ich zunächst unerhört, doch in einem Forumsbeitrag wurde erörtert, dass genau in dieser GPL-Vorgabe der eigentliche Zwang bestand, denn die Frage war, warum man Open-Source-Quelltext nicht in einem geschlossenen System weiterverarbeiten können sollte. Zwar konnte ein Quelltext unter GPL verkauft werden, dennoch schließt diese Lizenz eine direkte Verwendung unter Closed-Source auch als Ergänzung oder Erweiterung aus (daher u.a. die nachträgliche Installation von Drittanwendersoftware beispielsweise unter Linux Mint oder debian). Wer sich daran nicht hielt und nicht zuvor einlenkte, bekam es mit den Anwälten zu tun und es wurde teuer. Und für manche gab es ein quelloffenes „Linksys“ 😉. (vgl. [5])

Bedeutend war, dass damit der Freibier-Charakter endgültig aus den Köpfen der Firmen verschwunden war. GPL wurde teilweise als Risiko wahrgenommen, da man dieses nicht (mehr) nach Gutdünken in die eigene IT-Struktur einfügen konnte. (vgl. [3])

Nicht nur wegen des Forumsbeitrages, der mir zu denken gab, sondern ebenso die eingeschränkte Möglichkeit, die GPL auf Texte oder Bilder anzuwenden, begab ich mich auf die Suche nach einer anderen Lizenz-Möglichkeit. Ich stieß im Zuge dessen auf die Creative Commons.

Fasziniert von der Vielzahl der Lizenzformen „experimentierte“ ich mit den Varianten. Damit war Schluss, als ich selbst feststellte, welche Unsicherheit durch diese Wechsel erzeugt wird, denn es macht einen Unterschied, ob mein Erzeugnis unter einer CC by-sa oder einer CC by-nc-sa geführt wird. Mein persönliches Schlüsselerlebnis lag in der Verfolgung einer Diskussion, in der der Frage nachgegangen wurde, ob auf zum.de Dokumente angeboten werden können, die unter CC by-nc-sa stehen. Bei näherer Betrachtung stellte ich fest, dass Creative Commons nicht weniger komplex ist, als die GPL. (vgl. [4])

Für mich war es eine nahezu verwirrende Erkenntnis, dass Open-Source nicht gleich Open-Source ist, obwohl der Grundgedanke von freier Software bzw. freien Unterrichtsmaterialien so einfach formuliert erscheint. Zwischenzeitlich dachte ich mir, eine eigene Lizenz zu stricken, um meine Materialien offen anbieten zu können.

Die Konsequenzen und Einschränkungen

Dieser Werdegang brachte mich zur Einsicht, dass ich mich festlegen musste, unter welcher Lizenz ich meine Erzeugnisse stellen wollte. Ebenso musste ich mir darüber klar werden, was ich eigentlich mit meinen „Produkten“ erreichen möchte.

Bei diesem Prozess blieben drei Aussagen bestehen:
  1. Ich habe vom Grundgedanken profitiert, daher ist es nur korrekt, wenn ich dies entsprechend zurückgebe. Dennoch verlange ich nicht, dass andere, die meine Materialien verwenden, selbst welche produzieren, nur um etwas zurückzugeben. Dennoch sollen die Dokumente, die ich erstelle, für alle zugänglich sein. Und wenn dies möglich ist, mit der Angabe des Quelltextes.
  2. Ich habe schon oft mit dem Gedanken gespielt, meine Materialien zu verkaufen, doch brachte ich diesen Schritt nicht über das Herz, denn dies würde bedeutet, dass ich meine Materialien nicht offen zur Verfügung stellen könnte. Zwar wäre es möglich, dass ich beispielsweise nur den Quelltext (beispielsweise eine Scribus-Datei) offen anbiete und die PDF-Datei verkaufe, doch worin würde da der Sinn liegen? Oder besser formuliert, welchen Preis kann ich verlangen, wenn ich nur einen Button gedrückt habe? Dennoch habe ich nichts dagegen, wenn andere meine Materialien für kommerzielle Zwecke verwenden, denn ansonsten würde ich eine Einschränkung vornehmen, die entgegen meiner Vorstellung von Freiheit stehen würde.
  3. Ich stelle nur zwei Bedingung,...
    1. dass ich als ursprünglicher Autor genannt werde, denn es ist und bleibt meine „Arbeit“, die ich in das Material gesteckt habe.
    2. dass meine Arbeit offen zugänglich bleibt, obwohl sie beispielsweise in einem Verlagsmagazin in einem Artikel integriert wurde. 

Fazit

Nach langem Hin und Her landete ich somit bei der CC by-sa und dabei immer – je nach Erstellungsdatum – in der neuesten Version.

Die GPL schließt sich bei mir aus, da sie mir für Textdokumente ungeeignet erscheint, da diese sich auf Software und dem dazugehörigen Quelltext bezieht. Ebenso verwende ich nicht CC 0, da ich als Bedingung habe, dass ich als Autor genannt werde, auch im Bewusstsein, dass sich manche daran nicht halten werden. Umgekehrt nenne ich selbst bei Produkten, die unter CC 0 stehen, den Autor (beispielsweise von openclipart.org)

Ein Aspekt, den ich erst mit den letzten Jahren erkannte, der mit OER einhergeht: meine Arbeit wird dadurch transparent und nachvollziehbar. Dies ist mir nicht nur in der Gestaltung für den Unterricht wichtig, sondern ebenso im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Auf diese Weise schließt sich für mich damit der Kreis.


Quelle
[1] https://sozpaed99.blogspot.com/2014/03/welches-linux-darf-es-sein-imho.html
[2] https://www.gnu.org/home.de.html
[3] https://www.computerwoche.de/a/open-source-einsatz-und-die-rechtlichen-risiken,3317058
[4] https://irights.info/artikel/creative-commons-abmahnungen/29117
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Linksys_WRT54G

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