Direkt zum Hauptbereich

Die magische Zahl 14

Seitdem ich meine Bestrebungen hinsichtlich Digitalisierung des Unterrichtes intensiviere, stoße ich gehäuft auf diese Zahl.

In Gesprächen erläutern mir Kolleginnen und Kollegen, dass Smartphones sowieso erst ab 14 genutzt werden dürften. Eltern treten etwas verunsichert an mich ran, weil ja für ihren 10-jährigen Sprössling eigentlich das Smartphone zu früh sei, da man erst ab 14 dies verwenden dürfte. Und Schülerinnen und Schüler sprechen mich manchmal panisch an, weil ihnen das Smartphone wieder abgenommen würde, da sie mit 12 Jahren noch zu jung sind.
Nachdem die weiterführende Schule meines Sohnes und das Land Hessen in einer Broschüre vor einer Nutzung eines Smartphones vor Vollendung des 14. Lebensjahres warnten, dachte ich mir, ich recherchiere mal, woher diese magische Grenze überhaupt kommt.

Denn unabhängig davon, dass ich diese Altersgrenze für unrealistisch halte und der Meinung bin, dass mit Erreichen dieser Altersgrenze nicht automatisch eine Medienkompetenz ansetzt, möchte ich mich damit selbst überprüfen. (vgl. [1])

Die Datenlage

Zunächst machte ich mich auf die Suche nach belegbaren Inhalten, die diese Grenze begründen können.

Mein erstes Ziel führte mich zu den üblichen Verdächtigen: dass diese Grenze von Spitzer und Lankau gefordert wird, ist kein Geheimnis und ebenfalls nicht verwunderlich. Beide würden am liebsten die Grenze auf 18 Jahre setzen. Dennoch lohnt sich ein Blick auf diese, denn wenigstens geben sie sich einen wissenschaftlichen Schein. Dass dieser einer konkreten Prüfung nicht standhält, habe ich an anderen Stellen schon beschrieben. (vgl. [1]) Aus dem Grund mag ich mich nicht länger damit aufhalten.

Den eigentlichen Ursprung vermute ich von der Forderung von Seiten der Bundesregierung in Gestalt von Julia von Weiler, die die Internetexpertin im Fachbeirat des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung ist und nebenbei den Posten der Geschäftsführerin von Innocence in Danger e.V. inne hat. Sie postuliert, dass ein Fahrverbot für Smartphones für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahre gelten sollte. (vgl. [7]) Bei näherer Betrachtung der Internetseite dieses Vereins gewinnt man den Eindruck, dass mit Einführung des Smartphones das Tor zur Hölle geöffnet wurde. Belegt wird dies mit „harten Fakten“. (vgl. [4]) Nimmt man diese Zahlen genauer unter die Lupe, entpuppen diese sich als zusammenhanglose Werte aus unterschiedlichen Studien, die nicht belegen oder darlegen, warum das Smartphone erst ab 14 Jahren zugänglich sein sollte.

Beschworen werden die großen Gefahren, die von einem Smartphone ausgehen. Diese Bedenken sind berechtigt, insbesondere, wenn man Kindern und Jugendlichen unbeaufsichtigt ein Smartphone in die Hand drückt. Ebenso leuchten die Forderungen ein, wenn man den Schwerpunkt dieses Vereins in Betracht zieht. Ich denke ebenfalls, dass die Arbeit dieses Vereins wichtig ist, dennoch leite ich aus den Forderungen nicht ab, dass eine Grenze von 14 Jahren notwendig ist. Vielmehr bestärkt mich dies in meiner Meinung, so früh wie möglich mit dem Erwerb von Medienkompetenz an die Kinder heranzugehen, um daraus einen Schutz abzuleiten. Obwohl ich Vergleiche nicht leiden kann, mag dieser meine Position verdeutlichen: wir führen unsere Kinder langsam an die Regeln des Straßenverkehrs heran, damit sie Wege ebenfalls alleine gehen können. Dies ist ebenfalls für die Nutzung von Medien wichtig.

Interessanterweise findet sich die Forderung auf der Webpräsenz nicht.

Nachdem sich diese Quelle ebenfalls als Sackgasse ergeben hat, recherchierte ich weiter und stieß auf Erfahrungsberichten von (selbsternannten) Experten. (vgl. [6], [8]) Leider lässt sich aus diesen Erfahrungsberichten nicht viel inhaltlich erschließen, so dass diese an dem Grundproblem von Erfahrungsberichten scheitern: es sind halt nur Erfahrungsberichten.

Bei den Studien sieht es ähnlich schlecht aus. Die Blikk-Studie, die in diese Richtung Ergebnisse liefert, steht im Verdacht, nicht solide zu sein. (vgl. [11])

Die Argumentationen

Nachdem die Datenlage eher Ernüchterung einbrachte, befasste ich mich näher mit den Argumenten. Hierbei stachen drei Punkte heraus:

Die Gefahren: in Anbetracht der Datenlage beschränken sich die meisten Argumente auf das Abzählen der Gefahren im Internet, wobei die Analogie Smartphone = Internet und nicht Computer = Internet meistens hergeleitet wird. Ein eventueller Nutzen wird meistens nicht erwähnt oder deutlich negiert. (vgl. [2], [9]) Hier scheint der alleinige Hinweis auf die Gefahren Grund genug zu sein, eine solche Altersgrenze zu fordern. Interessant ist, dass sich dies nur auf das Smartphone bezieht und nicht auf den PC. Gut, dass Internet am Smartphone ist auch viel gefährlicher, als das am PC 😉

Die Suchtgefahr: allmählich populärer wird die Ansage, dass Smartphones süchtig machen. Die Argumentationskette geht von „bewusst verführen“ bis hin zu der Dauer der „Bildschirmzeiten“. Im ersten Fall wird schlichtweg behauptet und nicht begründet, dass eine Verführung von Smartphones ausgehen. Im zweiten Fall werden lediglich Zahlen herangeführt und die schiere „Masse“ als Grund dargelegt, dass eine Suchtpotenzial vorliegt. (vgl. [2], [3], [4]) Das Sucht ein sehr komplexes Gebilde darstellt, wird dabei unterschlagen. Außerdem ist die Sucht in der Regel ein Symptom für einen tieferliegenden Grund.

Die Grenzsetzung: Ansonsten geht man anscheinend davon aus, dass man mit dem „richtigen“ Alter automatisch „reif“ und „gefestigt“ für das Internet und somit für die Nutzung eines Smartphones ist. (vgl. [8]) Die Grenzlinie schwankt hierbei zwischen 12 und 18 Jahren, je nach Gesinnung und Windrichtung, (vgl. [10]) so dass deutlich wird, dass diese eher willkürlicher Natur ist. Wer diese Grenze zieht, nur um Zeit zu gewinnen, um sich mit der Materie auseinandersetzen zu können, der hat nicht verstanden, dass das Internet längst kein „Neuland“ mehr ist. (vgl. [2])

Fazit

Weder die Datenlage noch die Argumentationen belegen „handfest“, warum Kinder und Jugendliche erst mit 14 Jahren ein Smartphone nutzen sollten. Vielmehr zeigen diese, dass ein möglichst früher Einstieg wichtig ist, um schrittweise und begleitend, die Kinder und Jugendliche an diese Welt heranzuführen. Grenzen und Verbote bewirken nur, dass das Interesse steigt und die „Kontrolle“ der Eltern wegbricht.

Im ganzen Kontext ist mir nicht ersichtlich, wie man auf der einen Seite die Jugendlichen am Smartphone begleiten soll, was empfohlen wird, aber auf der anderen Seite gefordert wird, dass eben diese Geräte erst mit 14 Jahren zugänglich gemacht werden sollen. Somit scheint man in diesem Zusammenhang davon auszugehen, dass mit dem Übergang von 13. in das 14. Lebensjahr, eine Medienkompetenz schlagartig erwächst. Wenn man dies mit dem Erwerb des Führerscheins vergleicht, hinkt dieser, denn für den Erwerb von Medienkompetenz reicht es nicht aus, in wenigen Wochen dies zu erlernen. (vgl. [2])

Dass die Theorie nicht zutrifft, dass mit dem 14. Geburtstag ebenfalls die Medienkompetenz einherkommt, belegen die vielen Erwachsene, die sich mit der Bedienung eines Smartphones schwertun. Erst mit dem Erwerb der Medienkompetenz mit 14 Jahren zu beginnen, halte ich zu spät, denn dann würde im besten Fall mit dem Eintritt ins Erwerbsleben die Medienkompetenz erworben sein. Gegen dieses Vorhaben steht ebenfalls, dass die Welt digital ist. Bis zum 14. Lebensjahr kann das Kind und der Jugendliche nicht den Eindrücken entkommen.

Ein Verbot würde nur wie eine Beruhigungspille wirken. Da bin ich ganz bei Johannes-Wilhelm Rörig (vgl. [7])


Quellen
[1] https://sozpaed99.blogspot.com/2019/01/die-sechs-suggestionen-der-gegner-der.html
[2] https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/kinderschutz-smartphone-erst-ab-14-ja-unbedingt/23991512.html
[3] https://www.zeit.de/digital/2018-07/smartphonenutzung-sucht-david-levy-computerwissenschaftler
[4] https://www.innocenceindanger.de/harte-fakten/
[5] https://www.innocenceindanger.de/fuer-medien-politik-wir-fordern/
[6] https://www.wiesbadener-kurier.de/lokales/wiesbaden/nachrichten-wiesbaden/smartphone-lieber-erst-ab-14-jahren-gastkommentar-von-medienexperte-gunter-steppich_17593386
[7] https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/regierungsberaterin-fordert-smartphone-verbot-fuer-kinder-unter-14-16042386.html
[8] https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/ab-wann-sollten-kinder-ein-smartphone-bekommen-a-1110355.html
[9] https://www.medien-sicher.de/2013/11/liebe-eltern-eine-offene-e-mail/
[10] https://www.klicksafe.de/themen/kommunizieren/smartphones/smartphones-kinderjugendliche/
[11] https://sozpaed99.blogspot.com/2018/06/wieder-so-eine-studie-mit-einem.html

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vor Scheuklappen ist niemand gefeit (IMHO)

In meinem letzten Artikel [vgl. 1] schrieb ich, dass ich der Twitter-Gemeinde viele Ideen und Anregungen verdanke, die meine Unterrichtsgestaltung bereichert haben. Dennoch gibt es einen Umstand, der selbst vor modernen Pädagoginnen und Pädagogen nicht Halt macht:

Ohne eine nähere Definition zu pauschalisieren.
In Bezug auf die Nutzung von digitalen Werkzeugen für den Unterricht erkenne ich Parallelen hinsichtlich des Begriffes „Lehrerzentriert“ [vgl. 2].

Herr Kaube, was soll das? (IMHO)

Ich gebe es zu. Ich hatte eine Bildungslücke, denn bis zum 30.03.18 kannte ich Herr Jürgen Kaube, Redakteur bei der FAZ, nicht.

Da ich ein Abo bei der FAZ habe, lernte ich ihn heute kennen. Zumindest seinen "interessanten" Schreibstil und seine Verabscheuung gegenüber der Digitalisierung im Bildungsbereich.

Wie es aussieht schreibt Herr Kaube gerne RANT-Artikel. Diese Art von Artikel müssen nicht fundiert sein und bedürfen auch keines besonderen guten Schreibstils. Und das Beste an solchen Artikeln ist, man darf alle anderen für Fehler, seien sie real oder erfunden, schuldig sprechen und dies mit Korrelationen belegen, dass einem die Haare zu Berge stehen. Der ironische Unterton darf natürlich nicht fehlen, um so was wie Witz oder kritischen Journalismus vorzutäuschen.

Digitaler Unterricht aus der Praxis - Lust auf eine Blogparade

Vorneweg Digital unterrichten ist für mich lebenlanges Lernen. Ich sehe mich daher immer am Anfang meiner digitalen Entwicklung. Ein ständiger Beta-Status. Zwar beanspruche ich für mich seit längerem das eigenständige Lernen (gezielt formuliert vor rund drei Jahren vgl. [1]), dennoch erst seit diesem Halbjahr habe ich das Gefühl via Digitalisierung einen „Durchbruch“ zu erzielen, sprich es formt sich langsam ein Konzept (dank Twitterlehrerzimmer). Dieses Konzept habe ich für mich in dem „Dreischritt“ zusammenfasst: Sammeln, Üben und Zusammenführen.