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Die Welt ist Digital. Warum nicht die Schule? (IMHO)

Das erste Mal in meinem Dasein als Lehrer war ich auf der didacta. Dieses Jahr nutzte ich die Gelegenheit, um mir diese Messe anzusehen. In erster Linie interessierte mich, was technisch alles möglich ist.

Vor meinem Besuch war mir klar, dass die Schulen in vieler Hinsicht technisch in der Steinzeit verweilen. Nach meinem Besuch weiß ich, dass selbst die Steinzeit schon die Zukunft wäre. Dieses Bild trifft bestimmt nicht auf alle Schulen zu, dennoch gehe ich von einigen aus.

Auf der didacta erlebte ich Science-Fiction. Von der Mitteilungsheft-App über riesige Touch-Monitore bis hin von der kompletten Verwaltung eines Netzwerkes via Browser bot die didacta eine weite Spannbreite an technischen Neuerungen. Sehr inspirierend empfand ich den Stand der Startups. Rückblickend sehe ich keines dieser Errungenschaften in der Schule, weil die Basis für diese Technik in den meisten Fällen vermutlich fehlt. Es ist einfach zu sehr Zukunftsmusik.
Die Gründe für diese Entwicklung sind hinlänglich diskutiert. Axel Krommer bringt es auf eine gute Formel, wenn er von einer Krise spricht.

Mich interessiert die Beantwortung der Frage, warum die Schule jetzt nicht digital ist oder weshalb sie sich nicht auf diesen Weg macht. An diese Fragestellung schließt sich meine Überlegung, welche Konsequenzen dies für den Bildungsbereich hat, wenn dieser Weg nicht endlich beschritten wird.

Um mich einer Beantwortung zu nähern, gehe ich verschiedene Rubriken durch: Kollegium, Datenschutz, Sicherheit, Finanzen, Methodik und Didaktik.

Gründe

Kollegium

Als ersten Hindernisgrund nennt man gerne das Kollegium. Diese Ehre wird dem Kollegium nicht ganz gerecht. Es gibt sie, die sich der Digitalisierung verweigern. Sie machen einem IT-Beauftragten das Leben schwer und diese Haltung verzögert die Umsetzung von neuen Ideen. Dennoch gibt es Kolleginnen und Kollegen, die sich diesem Aspekt nicht verwehren. Und diese zeigen hin und wieder, dass digital nicht gleich böse und schlecht ist. Meine Erfahrung zeigt mir, dass die ablehnende Haltung nichts mit dem Alter zu tun hat. Dies ist ein Resultat aus Halbwissen über die Technik, die sich als Mythen im Kollegium halten.

Datenschutz

Der Datenschutz dient gerne als Sündenbock, um zu erklären, warum Technik nicht eingesetzt werden kann. Diese Einschätzung empfinde ich als fatal, denn grundsätzlich sind der Schutz der Daten und die Überlegungen dazu wichtig. Dennoch erschweren die Regelungen einige Umsetzung. Alleine die Vorgabe, Verwaltungsnetzwerk und pädagogisches Netzwerk getrennt zu betreiben, verdoppelt die Arbeit. Die DSGVO entschärft diesen Umstand nicht.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Datenschutz wie eine Bremse auf Neuerungen wirkt, wie Krommer treffend in seinem zweiten Beitrag zur Krise beschreibt. In Hessen gibt es ähnliche Vorgabe wie Neuerdings in NRW. Das Land Hessen beschloss die Vorgaben schon vor Jahren. Vermutlich würde eine Novelle wie in NRW ausfallen, denn die hessischen Datenschützer wirken eher paranoid als realistisch.

Sicherheit

In einem Netzwerk muss es ein Sicherheitskonzept geben. Je nach Umsetzung kann es Innovationen behindern, wenn es zu streng ausgelegt ist. Umgekehrt behindert ein zu lasche Implementierung ebenso Innovationen, da sie sich vermutlich gegenseitig blockieren. Ein Mittelmaß ist notwendig. Das eigentliche Problem liegt nicht in der Findung dieses Maßes, sondern in der Pflege. Ich vermute, dass die meisten IT-Beauftragten mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass die Wartung eines Netzwerkes aufwendig ist, umzusetzen. Gerade dieser Aufwendung lässt einen zögern, weitere Neuerungen in das System einzubauen, da dies eine Erhöhung der Aufwendungen bedeutet.

Heute schon finden sich unzählige Live Hacks, wie man ein Schulnetz "verunsichert", da man grundsätzlich davon ausgeht, dass es ungenügend gesichert ist.

Finanzen

Einen wesentlichen Knackpunkt stellen die Finanzen dar. Immer wird bemängelt, dass kein Geld vorhanden ist. Dieser Meinung stimme ich nur bedingt zu, denn gerade die didacta zeigte mir, dass im Bildungsbereich wohl noch Geld zu verdienen ist. Ich hatte nicht das Gefühl, dass durch übermäßige Rabatte der Markt aufgerollt werden soll. Mittlerweile scheint das Problem darin zu bestehen, dass die schiere Auswahl an Angeboten überfordert. Daher zögern viele mit den Ausgaben, denn man hat das Geld für nur einen Versuch.

Methodik und Didaktik

In der Vergangenheit wurde zu viel Pulver verschossen, weil Technik angeschafft wurde, ohne ein Konzept vor Ort dahinter zustellen. Klassisches Beispiel sind die Laptop-Klassen. Sie wurden viel beworben. Natürlich gab es Berichte, die eine methodische und didaktische Einbindung beschrieben. Doch waren diese meist auf einzelne Unterrichtsstunden beschränkt. Es fehlte an einem „ganzheitlichen“ Konzept, das für alle Unterrichtsszenarien gleichermaßen galt. Wenn es diese gab, dann waren diese zu komplex.

Dieses Problem besteht meiner Meinung nach wie vor. Das Problem ist, dass beispielsweise auf der didacta die Szenarien vielversprechend aussehen. Es ist eine Umsetzung unter Laborbedingungen. Bei der Implementierung in der Schule kehrt sich dieses Bild um, da die Praxis erst die konzeptionellen und lokalbedingten Schwächen aufzeigt. Diese Erfahrung lässt viele zögern, technische Neuerungen umzusetzen.

Zwischenfazit

Jedes dieser Aspekte für sich genommen, stellt noch keinen Grund dar, um zu erklären, warum es keine digitale Schule gibt. In der Summe bauen diese ein erhebliches Hindernis auf. Dieses gipfelt in der mangelnden Einsicht, konsequent in die IT zu investieren, sowohl in finanzieller also auch in konzeptioneller Hinsicht.

Konsequenzen

Kollegium

Axel Krommer brachte es in seinem ersten Teil der Krise gut auf den Punkt. In Zukunft werden die Kolleginnen und Kollegen, die Technik einsetzen wollen, deutlich eingeschränkter sein, als zum jetzigen Zeitpunkt, denn der technische Abstand zwischen Schule und Realität wird sich vergrößern. Schon heute erscheint es befremdlich, dass Apps kaum Einsatz in der Schule finden. Wenn dies der Fall ist, wird dies als modern begriffen, obwohl Apps seit über zehn Jahren angeboten werden.

Datenschutz

Die didacta zeigte mir, dass eine digitale Lösung (beispielsweise in Form eines digitalen Klassenbuches) strenger die Vorschriften erfüllt, als der klassische rote Lehrerkalender. Dieser kann verloren gehen und ist damit in Gänze einlesbar. Es gibt keine Verschlüsselung. Kein Passwort verhindert den Zugang. Die Daten können ungehindert in den Umlauf gebracht werden. Außerdem sind Manipulationen möglich. Eine Überprüfung, welche Eingaben korrekt sind, gibt es nicht, da kein BackUp vorhanden ist. Außerdem sind die Daten für immer verloren. Gleiches gilt für das Klassenbuch, das in der aktuellen Führung die bestehenden Datenschutzbestimmungen nicht erfüllt, wenn man die Vorgaben für die IT als Grundlage heranziehen würde. Damit misst man jetzt schon mit zweierlei Maß.

Auf der anderen Seite erweitern sich die technischen Möglichkeiten, so dass ein roter Lehrerkalender nur darauf wartet, ausgeschlachtet zu werden, sollte dieser unbeobachtet sein.

Außerdem wird der Datenschutz, wenn die Entwicklung so weiter geht, zu einem unübersichtlichen Boliden im technischen Bereich werden, während im analogen die Grenzen weit geöffnet sind. Mir sind keine Datenschutzregelungen für das Noten- oder Klassenbuch bekannt. Dies vergrößert ebenfalls den Abstand zur aktuellen Entwicklung.

Dieses Ungleichgewicht zeigt sich in einem anderen Aspekt, der beinahe paradox wirkt. So wird die Nutzung von WhatsApp untersagt, da dann die Daten auf amerikanischen Servern liegt. Dabei wird übersehen, dass diese Daten dort verschlüsselt gespeichert werden. WhatsApp kann die Daten nicht lesen. Dagegen wird auf die Kommunikation via dienstlicher E-Mail verwiesen, dennoch wird keine Unterstützung angeboten, eine ordentliche Verschlüsselung dieses Kommunikationsweges vorzunehmen.

Sicherheit

Die Pflege obliegt den IT-Beauftragten, die in der Regel Lehrkräfte sind. Mit den technischen Entwicklungen wachsen ebenfalls die Anforderungen für die Wartung. Dies können Lehrkräfte nicht leisten. Meine Prognosen sind daher:
  • es ist absehbar, dass schulische Systeme lohnende Ziele für Hackerangriffe sein werden. Die Angriffe auf Krankenhäuser zeigten, dass auch Low-Budget-Unternehmen gewinnbringend erpresst werden können.
  • die Live Hacks werden ein ständiges Problem darstellen, denn die reale Technik wird es ermöglichen, dass ohne viel Zutun und Hintergrundwissen auf schulische Systeme zugegriffen werden kann.
  • des Weiteren werden Handyverbote endgültig zu einem Witz verkommen, denn andere Techniken laufen diesen den Rang ab. Es werden noch mehr Techniken verboten, da man meint, sich auf diese Weise schützen zu können. Da ein Handyverbot aktuell nicht zu kontrollieren ist, wird dies mit den neuen Techniken erst recht der Fall sein.

Finanzen

Obwohl gespart wird, denke ich, dass auf lange Sicht in der Bildung für die IT draufgezahlt wird. Denn sollte irgendwann eine Aufholjagd beginnen, wird dies sehr teuer werden, denn es fehlt an der Basis.

Methodik und Didaktik

So lange darüber diskutiert wird, ob Handys in Schulen verboten gehören, wird sich in diesem Gebiet wenig verändern. Es bleiben nur Unterrichtsszenarien übrig, die zusammenhanglos in den Zeitschriften veralten.

Zwar etabliert sich immer mehr das Fach „Medienkunde“, doch wird dies auf lange Sicht nicht reichen, um Medienkompetenzen aufzubauen oder sich dem Schein hinzugeben, Technik einzuführen. Wird es so weitergehen, werden wir die Schülerinnen und Schüler in dieser Hinsicht verlieren, denn über was soll man eine Kompetenz aufbauen, wenn – überspitzt formuliert – nur die Tafel als Medium genutzt werden kann. Darüber reden reicht nicht.

Ich möchte keinesfalls die Beamer und WhiteBoards tot reden, doch gehören sie meiner Ansicht nach im aktuellen Kontext zu den seltenen Erscheinungen. Mir ist bewusst, dass einige Kommunen diesbezüglich aufgerüstet haben, doch ist dies nicht ausreichend. In meinem Umkreis zeigt sich nach zehn Jahren, dass die Technik zwar vorliegt, aber mittlerweile heillos veraltet ist und selten einsatzfähig ist.

Fazit

Ich weiß, dass meine Darstellungen nicht auf alle Schulen zutreffen. Meine Betrachtungen sollte man als Schnitt oder Mittelwert auffassen. Wobei genau dieses Ungleichgewicht zwischen den Schulen ein weiteres Hindernis darstellt.

Wie schon im Zwischenfazit angedeutet, sehe ich die technische Zukunft für die Schulen mit schrecken entgegen. Auf der didacta hörte ich oft genug, wie weit andere europäische Länder sind und wie rückständig Deutschland ist. Diese Entwicklung kann ich für ein Land, das wirtschaftlich Europa dominiert, nicht nachvollziehen. Meine Prognose ist, dass sich diese Vormachtstellung Deutschlands in naher Zukunft umkehren wird, da uns die anderen Länder aufgrund der technisch besser ausgebildeten Arbeitskräfte überholen werden.

Es kann auch sein, dass ich zu pessimistisch bin, denn es gab andere Epochen, wie die Renaissance und die industrielle Revolution, die sich zeit verzögert in den deutschen Gebieten durchsetzten. Und Deutschland existiert immer noch. Warum sollte dies nicht ebenfalls für die digitale Schule gelten?

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